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Farbe gegen Generali Krankenversicherung

By chronik on 31. Dezember 2015

164036Köln, 31. Dezember 2015

Die Generali ist Vorreiter bei der Digitalisierung auf dem europäischen Versicherungsmarkt. Über eine stetige Datenerfassung soll das zu versichernde Risiko individuell vermessen, berechnet und bepreist werden. In Italien hat die Generali 2015 mehr als eine Million Autos mit „Blackboxes“ ausgestattet, die per GPS und Mobilfunk das Fahrverhalten permanent protokollieren.

Zu Jahresbeginn 2016 soll in Deutschland das Gesundheitsprogramm „Vitality“ starten, mit dem die Versicherung Ernährungs- und Fitnessgewohnheiten sowie permanent erhobene Körperdaten ihrer Mitglieder zur Tarifeinstufung nutzen will. Dazu sucht die Generali seit einem halben Jahr Vertragspartner im Einzelhandel, die personalisierte Einkäufe über eine elektronische Schnittstelle direkt übermitteln sowie Fitnessstudio-Ketten, die über Anwesenheitszeiten und Trainigsprogramme ihrer Mitglieder informieren sollen.

Für diesen unverschämten Vorstoß haben wir der Verwaltung der Generali Krankenversicherungen in Köln einen Besuch abgestattet und die Front des Versicherungsgebäudes (Gereonswall 68-70) am Silvesterabend mit Hilfe von Zwillen und 120 Farbkugeln markiert.

Begonnen hat alles mit einem freiwilligen Bonusprogram, doch der Vorstandschef der Generali-Deutschland Holding AG, Giovanni Liverani lässt keinen Zweifel daran, dass das Bonusprogramm nun in eine fein-untergliederte Tarifstruktur münden soll. Wer keine Daten liefern will, bekommt den schlechtesten Tarif. So werden dann nicht mehr nur die Schnäppchenjäger zum freiwilligen „Datenlass“ geködert, sondern alle zur erheblich unfreiwilligeren Ernährungs- und Bewegungs-Beichte genötigt.

Du bist zu fett? – dafür zahlst Du!

Die ursprüngliche Idee von sozialen Sicherungssystemen war nach einem einfachen Prinzip aufgebaut: Alle zahlen in einen Topf; wenn jemand in Not ist, wird der Topf benutzt um die Notsituation zu beheben – lange Zeit ohne zu fragen, warum jemand in Not geraten ist.

HartzIV hat damit endgültig Schluss gemacht und das Narrativ der Arbeitslosigkeit neu geschrieben: Im Vordergrund steht nun das Versagen des einzelnen, keinen Job gefunden zu haben, sich nicht ausreichend zu aktivieren oder sich gar als arbeitsunwilliger Sozialschmarotzer zu verweigern. Solidarität wurde auf das Einzahlen von Geld reduziert mit der Fiktion: wenn sich alle genügend um Arbeit bemühen würden, wäre die Arbeitslosenversicherung überflüssig.

Die Kündigung des Solidarprinzips vollzieht sich nun auch im Gesundheitssystem. Doch das Gesundheitssystem vom Solidarprinzip auf das Prinzip des Individualversagens umzustellen, ist schwieriger. Arbeitslose werden an den Rand verdrängt – die Grippe aber trifft jeden. Zu unterstellen, mensch habe sich mutwillig infiziert, geht nicht so einfach. Hier muss das Versagen subtiler konstruiert werden. Dazu soll das Individuum möglichst genau vermessen werden. Mit diesen permanent erhobenen Daten soll dann eine Vorhersage über die Wahrscheinlichkeit von Krankheit getroffen werden. Und diese wird in feinstufig personalisierte Tarife übersetzt.

Aus: Sie haben Übergewicht, stellen Sie Ihre Ernährung um, denn das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen steigt, wird: Aufgrund ihres Übergewichts kosten Sie uns überproportional viel Geld – wir müssen Sie an den Kosten beteiligen. Bemühen Sie sich, dann können Sie wieder preiswerter werden. Sie haben in diesem Monat weniger gejoggt? Kosten hoch.

Genarali Deutschland-Chef Liverani behauptet zwar: „Versicherungen basieren auf dem Kollektivgedanken“, rechtfertigt jedoch die Bemessung des Gesundheitsbewusstseins mit den Worten: „Ansonsten finanzieren die Leute, die sich gesund verhalten, diejenigen, die sich nicht um Vorsorge kümmern.“ Menschen, die gesund leben, müssen weniger zahlen als Menschen, die ungesund leben. Die Suggestion ist, dass ein Gesundheitssystem für den Einzelnen günstiger wird, wenn die Kranken mehr zahlen müssen. Das ist falsch. Das führt lediglich dazu, dass immer weniger sich das krank sein leisten können – sie fallen aus der Solidargemeinschaft raus, das System kollabiert.

Die Krankenkassen wollen nicht sparen – sie wollen Umsatz. Deshalb muss der Patient zum Kunden werden. Die elektronische Patientenakte ist der dazu industriell gewünschte Nacktscanner. Wir wissen, dass die Daten nie und nimmer allein für unsere konkreten medizinischen Belange zur Verfügung stehen werden. Die Daten aus Großbritannien können Versicherer und Pharmakonzerne bereits erwerben. Sind die Gesundheitsdaten einmal vorhanden, werden z.B. auch Fluggesellschaften das Risko eines akuten Notfalls in der Luft individuell berechnen und einpreisen. Arbeitgeber werden irgendwann einen Blick in die elektronische Krankenakte ihrer Bewerber werfen und das, was sie dort lesen, in ihre Entscheidung einfließen lassen. Wir werden vor die Wand laufen: bei Versicherungen, Bewerbungsgesprächen, dem Versuch ein Wohnung zu mieten oder einen Kredit aufzunehmen – ohne den wahren Grund zu kennen.

Dynamische Tarifbestimmung

Konkretes Ziel der Generali, weiterer Krankenversicherungen in ihrem Windschatten und der IT-Branche ist ein permanentes Selbstvermessungswesen, das ein über viele Jahrzehnte gewachsenes Solidarsystem zerschlagen soll. Apples „Health Kit“ und Googles „Google Fit“ haben die meisten neuen Smartphones vorinstalliert. Gekoppelt mit zusätzlichen Gadgets, wie Fitness-Armbändern, Smart-Watches, … kontrollieren diese unsere Kalorienaufnahme, Herzfrequenz, Blutzuckerspiegel, Sauerstoffgehalt im Blut unser Schlafverhalten und vieles mehr. Zusammen mit den Ernährungsgewohnheiten, dem Lauf- und Fitnessverhalten sowie der Medikation und unserer Krankheitsgeschichte wird daraus ein „Healthscore“ ermittelt. Dieser Score ist die Grundlage für die zukünftige Tarifeinstufung eines jeden einzelnen – nicht einmalig oder quartalsweise, sondern permanent in Echtzeit. Die Verantwortung für Gesundheit wird vollständig individualisiert.

Noch können wir uns dem Selbstoptimierungsprogramm verweigern. Bald nur noch unter enormen Mehrkosten (durch die Einstufung in den schlechtesten Tarif für Verweigerer oder Verheimlicher). Aber es ist ebenso denkbar, dass auch diese Option wegfallen wird. Smart manipuliert in Richtung Bereitschaft alles über uns mitzuteilen, wird es als unsozial gelten, seine Lebensgewohnheiten und Gesundheitsbemühungen zu verschweigen. Gesellschaftlich akzeptiert (und finanziert!) wird dann nur noch, was sich vermessen lässt und laut Algorithmus der Krankenversicherer ein vertretbares Risiko darstellt.

Die Zusammenführung aller verfügbaren Gesundheitsdaten ist der Schlüssel zur individuellen Berechenbarkeit, Verwertbarkeit und Vorhersagbarkeit. Und deshalb ist die elektronische GesundheitsKarte in ihren weiter geplanten Ausbaustufen so bekämpfenswert!

Medizin-Informatiker drängen seit einem Jahr darauf, die elektronische GesundheitsKarte mit den permanent erhobenen Körperdaten der Selbstvermessung zu vernetzen. Google sichert sich Millionen Patientenakten über zahlreiche Kooperationen mit Pharma- und Biotechnologie-konzernen, Medizinfakultäten und Krankenversicherern.

Es gibt unzählige Bemühungen, den Damm der Selbstbestimmung über das Geschäft mit der Gesundheit zu brechen. Diese Bemühungen und ihre Protagonisten müssen wir bekämpfen, wenn wir die Fremdbestimmung über unseren intimsten und am stärksten verletzbaren Bereich, der Gesundheit, vermeiden wollen.

Wir grüßen mit unserer Aktion die AktivistInnen, die vor drei Wochen das „face“ der Facebook Deutschland-Zentrale in Hamburg erheblich angekratzt haben. Wir möchten hiermit weitere ermutigen, die Zumutungen der erzwungenen Freiwilligkeit bei der Abgabe von Daten und Selbstbestimmung öffentlich wahrnehmbar anzugreifen.

Quelle: Linksunten

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