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Steine gegen Quartiersmanagement

By chronik on 21. August 2016

Leipzig, August 2016

Das alte Arbeiterviertel Leipzig-Lindenau verändert sich rasant. Immer mehr Häuser werden saniert und neue Bewohner ziehen nach, die die höheren Mieten bezahlen können. Einigen Jugendlichen im Stadtteil gefällt das nicht.

Leipzig. Es fing an mit Pöbeleien gegen Investoren, die Häuser kaufen und sanieren. Dann flogen Steine gegen die Fensterscheiben des Stadtteilladens in der Karl-Heine-Straße 54, in dem Hauseigentümern und anderen Bauwilligen kostenlos geholfen wird. Städtische Mitarbeiter und Stadtpolitiker sind seitdem hochgradig verunsichert. Denn die Angreifer lassen jeden wissen: Wir wollen solche Strukturen in Lindenau zerschlagen, weil die Stadt dafür sorgt, dass wir unsere Mieten nicht mehr zahlen können und auf der Straße wohnen müssen. Als sich der Leipziger Künstler Volly Tanner öffentlich gegen die Attacken aussprach, tauchten im Stadtteil Aufkleber auf, die ihn als Zerstörer von Lindenau brandmarken.
Der Schriftsteller hat sich inzwischen zurückgezogen – Vertraute berichten, er und seine Familie ziehen aus Leipzig weg, weil sie um ihre Sicherheit fürchten. Die Angreifer bekommen dagegen immer mehr Zulauf. In dieser Woche haben sie sich gegen den Willen der Stadtverwaltung in einem „Camp der Sozialen Kampfbaustelle“ an der Gießerstraße besser organisiert.

Lukas ist einer der jungen Leute, die sich auf der „Kampfbaustelle“ eingefunden haben. „Man kann nicht von einer erfolgreichen Entwicklung sprechen“, meint der 23-jährige Arbeitslose. Denn in Lindenau entstünden immer mehr Eigentumswohnungen, und die Mieten würden steigen. „Jetzt kommen Leute mit Geld her, und wir werden vertrieben.“ Im Stadtteil gebe es auch schon viel zu viele Läden mit teuren Waren, das Ordnungsamt kontrolliere öfter und Jugendliche wie er würden ihre alten Plätze verlieren, weil diese bebaut werden und die neuen Bewohner es gemütlich und ruhig haben wollen. Dabei gebe es eigentlich gar keine Ruhe und keinen Frieden, sagt der Jugendliche, der seinen vollen Namen nicht nennen möchte. „Die Polizei schmeißt Leute wie uns raus, wenn wir die Miete nicht mehr zahlen können. Das ist auch Gewalt.“

Ordnungsamt geht nicht gegen „Soziale Kampfbaustelle“ vor

Die rund 60 Jugendlichen, die in dieser Woche täglich in der „Kampfbaustelle“ diskutieren, bekommen Geschichten wie die von einem Haus in der Naumburger Straße zu hören, in dem Studenten und Geflüchtete unter einfachsten Bedingungen gewohnt haben sollen. Die Ofenheizung sei miserabel gewesen und der Strom mit einem Generator im Keller erzeugt worden, so die Geschichte. Doch in diesem Frühjahr sei ein Investor aufgetaucht und habe zuerst die maroden Essen abbrechen lassen wollen. „Als er kam, waren 40 Leute von uns da und haben ihm klargemacht, dass er das lassen soll“, so Lukas. Der Mann sei abgerückt und die Bewohner hätten bleiben können. „Zum Glück“, meint Lukas, „gibt es in Leipzig immer mehr Leute, die solchen Widerstand leisten. Es gibt viele Wagenplätze, Wohngemeinschaften und Kneipen, die sich der Entwicklung zu immer teurerem Wohnraum entgegen stellen. Und wenn es Deutschland bald schlechter geht, dann werden wir noch mehr.“

Im Ordnungsamt haben sich die Widerständler auch schon Respekt verschafft. Denn das bestand schon vor acht Wochen darauf, dass das im Internet in sechs Sprachen beworbene „Camp der Sozialen Kampfbaustelle“ offiziell angemeldet wird. „Die Gemeinflächen, die wir nutzen, gehören denen, die hier wohnen – und nicht dem Ordnungsamt“, heißt es im Camp, und es wird gefeiert, dass die Anmeldung erfolgreich verweigert wird und trotzdem niemand einschreitet. „Wir dürfen die Situation nicht grundlos eskalieren lassen“, meint ein Sprecher des Ordnungsbürgermeisters Heiko Rosenthal (Linke). „Aber die Situation ist durchaus ernst.“

Das Dezernat von Leipzigs Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau (parteilos) hat den angegriffenen Stadtteilladen in dieser Woche schließen lassen, damit die Teilnehmer der „Kampfbaustelle“ dort nicht spontan randalieren. Die geplanten Veranstaltungen finden trotzdem im Laden statt – hinter verriegelten Türen. „Wir reagieren angemessen auf die Situation“, verteidigt ein Sprecher des Baudezernats die Entscheidung. „Wir sind nicht für die öffentliche Sicherheit zuständig.“ Bei der Polizei heißt es, sie sei von der Stadt „lediglich um Amtshilfe gebeten“ worden, eine grundsätzliche Bewertung des Camps sei deshalb nicht möglich.

Lindenauer Politiker sehen die Entwicklung zunehmend kritischer. „Ich habe immer mehr Sorge, dass in Lindenau Auseinandersetzungen stattfinden, die nicht mit demokratischen Mitteln geführt werden“, sagt Eva Brackelmann, die für die Leipziger SPD im Stadtbezirksbeirat Altwest arbeitet. „Die führenden Kräfte in der Stadt müssen die Entwicklung ernst nehmen. Jeder kann leben wie er möchte, aber ich erwarte auch Toleranz gegenüber anderen Lebensentwürfen – selbst wenn sie aus anderer Sicht noch so spießig sind.“

CDU fordert „massive Polizeipräsenz“

Michael Weickert, Ortsverbandsvorsitzender der CDU-Altwest, fordert, die Angriffe auf städtische Institutionen nicht nur mit „betroffenen Mienen und Sonntagsreden“ abzuwehren. „Unter dem sehenden Auge der Stadtspitze hat sich eine rechtsfreie Subkultur entwickelt“, sagt er. Jetzt müsse „mit massiver Präsenz von Polizei und Stadtordnungsdienst“ agiert werden. „Welche sogenannten sozialen Wohnprojekte oder alternativen Cafés erfüllen denn alle notwendigen baulichen beziehungsweise hygienischen Bedingungen?“, fragt Weickert. „Warum wird dies von der Stadt geduldet?“

Die Camp-Teilnehmer lassen sich davon nicht beeindrucken. Ihr Stadtteil solle „nicht schön, sondern widerständiger“ werden, steht auf einem ihrer Plakate. Auch Lukas, der seine Ausbildung abgebrochen hat und jetzt auf eine Studiengelegenheit wartet, will das. Das Jobcenter habe ihm zwei Monate lang seine Stütze gestrichen, weil er nicht zu einem Bewerbungsgespräch erschienen sei, erzählt er. In dieser Zeit habe er sich in Hausprojekten ernährt, die Essen für alle anbieten. Zusätzlich habe er noch „containert“ – also in den Abfällen von Lebensmittelläden gewildert. Einen Job hat er trotzdem nicht angenommen. „Ich habe ein soziales Jahr mit behinderten Menschen hinter mir“, sagt er. „Seitdem weiß ich, dass eine 40-Stunden-Arbeitswoche den Körper und den Geist kaputt macht. Die Kreativität geht verloren.“

Im Camp wurde beschlossen, stärker den Schulterschluss zu proben. „Lindenau soll so gestaltet werden, wie wir das wollen“, zieht Lukas sein Fazit. „Wir wollen leben, wo und wie wir wollen.“ An den Diskussionen hätten auch Leute aus Kurdistan teilgenommen. „Die haben uns erzählt, wie sie bei sich eine Demokratie von unten aufbauen“, so der Jugendliche.

Quelle: LVZ

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